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Lab 28 - Ausgabe März 2010


 

Labordiagnostik der Multiplen Sklerose (MS)

 

Bei der MS handelt es sich um eine immunvermittelte chronisch entzündliche Erkrankung des Zentralnervensystems (ZNS) mit Demyelinisierung und axonalem Schaden. Sie ist die häufigste neurologische Erkrankung, die bereits im jungen Erwachsenenalter zu Behinderungen führt, obwohl neuere Therapiestrategien und eine frühzeitige Behandlung die Prognose verbessert haben.

Lab28 - Ausgabe März 2010

BWL und Medizin
Hämatologische Diagnostik
Labordiagnostik der Multiplen Sklerose (MS)
Typischer Befund bei MS
Altershypothyreose: Behandlungsindikation und TSH
Cystatin C im Serum - Biomarker d. Niereninsuffizienz
Sauberes Wasser
Polyurie - Differenzierung und Laboruntersuchungen
Kleine Fehler - Große Wirkung: Materialzuordnung
Aktuelle Aspekte zur uterinen Blutungsstörung
Steuertipp I/2010

In Deutschland sind ca. 120.000-140.000 Menschen erkrankt, die jährliche Inzidenz liegt bei 3,4/100.000 Einwohner, 70 % erkranken zwischen dem 20. bis 40. Lebensjahr und Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Die Diagnose wird aber immer häufiger auch bei Kindern und Jugendlichen gestellt und auch Erstmanifestationen bei über 70-Jährigen kommen vor.

Eine frühe Diagnosestellung ist wichtig, um möglichst früh eine immunmodulatorische Therapie einleiten zu können. Neben Anamnese, klinisch-neurologischer Untersuchung, kranialem (evtl. auch spinalem) MRT und evozierten Potenzialen spielt die Liquoruntersuchung weiterhin eine zentrale Rolle.

Als chronische Enzephalomyelitis bewirkt die MS typische Liquorbefunde, insbesondere bezüglich der Proteinanalytik (s. Tabelle 1). Zusätzlich werden verschiedene Blutuntersuchungen empfohlen (s. Tabelle 2). Die Laboruntersuchungen sind sowohl zur Diagnosestellung als auch zur Abgrenzung gegen andere klinisch ähnlich verlaufende Erkrankungen erforderlich (Kollagenosen, Borreliose, Sarkoidose, Neurolues, Vaskulitiden, HIV etc.). Mit den genannten diagnostischen Möglichkeiten ist eine Diagnosestellung bereits bei einem ersten Schub (monosymptomatische Präsentation) innerhalb von 1-3 Monaten möglich! Es verstreichen jedoch auch heute noch im Mittel 3,4 Jahre zwischen der Erstmanifestation und der Diagnosestellung.

Folgende Untersuchungen sollten durchgeführt werden, wobei die parallele Gewinnung von Liquor und Serum zwingend erforderlich ist (!):

  1. Zellzahl und -differenzierung im Liquor
  2. Gesamtprotein im Liquor
  3. Albumin-, IgG-, IgA- und IgM-Quotienten (Quotientendiagramm nach Reiber)*
  4. Oligoklonale Banden*
  5. Erregerspezifische Antikörper-Indizes (AI) für neurotrope Viren (Masern-, Röteln-, Varizella-Zoster-Virus = MRZ, ggf. ergänzt durch Herpes simplex- und Mumps-Virus)*
  6. Ggf. AI für Borrelien und Lues*

Bis auf oligoklonale Banden (Versand in ein externes Liquorlabor) werden alle genannten Untersuchungen und Berechnungen im Labor 28 zeitnah seit vielen Jahren für niedergelassene Neurologen und verschiedene Kliniken durchgeführt.

Aufgrund unterschiedlicher Sensitivität und Spezifität führen erst alle genannten Untersuchungen in der Zusammenschau zu einem Gesamtbild, welches für oder gegen eine MS spricht (s. Tabelle 1).
Zwar sind oligoklonale IgG-Banden sehr sensitiv für die MS (in ca. 98 % positiv), werden aber auch bei akuten ZNS-Erkrankungen und gelegentlich Gesunden gefunden. Dagegen ist die MRZ-Reaktion zwar weniger sensitiv, dafür aber deutlich spezifischer für die MS!
Detaillierte Ausführungen zu den hier genannten Untersuchungen finden Sie in unserer LaborInfo 168.

Liquorparameter Alterationen Diagnostische Sensitivität (%)

Zellzahl/μl
(Zytologie)

< 5
5-30
>30

alle lymphomonozytär

40
55
5

Gesamtprotein (mg/dl)

< 45
bis 80-90

90
10

Schrankenfunktion*
QAlb x 10-3

< 8
8-10 (-25)

90
10

intrathekale Immunglobulinsynthese*

IgG
IgA
IgM

75
9
20

oligoklonale IgG-Banden*

≥ 4
2-3

96
98

MRZ-Reaktion*

M
R
Z
MRZ

78
65
55
> 90

Glukose*, Laktat

normal

 

Tabelle 1 (modifiziert nach 3): Charakteristische Liquorbefunde bei MS

* Liquor und Serum erforderlich

Präanalytik:
Eine parallele Einsendung von zeitnah gewonnenem Liquor und Serum ist zwingend erforderlich!

Da die Zellen im Liquor schnell zerfallen, muss die Bestimmung der Zellzahl und Zelldifferenzierung spätestens 2 Stunden nach Entnahme erfolgen!

  • CRP
  • Großes Blutbild
  • Serumchemie
  • Glukose
  • Vitamin B12
  • Rheumafaktor
  • ANA
  • Anti-Phospholipid-Antikörper
  • Lupus-Antikoagulans
  • ACE
  • Borrelienserologie
  • Urinstatus

Tabelle 2: Obligate Laboruntersuchungen im Serum in der diagnostischen Phase (AWMF-Leitlinie 2008)

Literatur:

  1. Diagnostik und Therapie der Multiplen Sklerose, Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, 2008.http://www.uni-duesseldorf.de/AWMF/II/030-050.htm
  2. Zettl UK, Lehmitz R, Mix E (Hrsg.): „Klinische Liquordiagnostik“; S. 418 ff.
  3. Wildemann B, Oschmann P, Reiber H: „Neurologische Liquordiagnostik“; S. 142 ff.
  4. Multiple-Sklerose-Register in Deutschland, Dtsch Arztebl 2008, 105 (7): 113-9

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