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Lab 28 - Ausgabe März 2006


 

Diagnostik von Hypophysenadenomen

 

Hypophysenadenome sind seltene, gutartige Tumoren, die auf Grund ihres schleichenden Verlaufes oft sehr spät erkannt werden. Die Beschwerden bei Hypophysenadenomen entstehen zum einen durch die Raumforderung des Tumors (z. B. Sehstörungen und Kopfschmerzen) und zum anderen durch die verminderte Produktion bzw. Überproduktion von Hormonen.

Lab28 - Ausgabe März 2006

Wunderheiler gesucht
Parvovirus Infektion u. Schwangerschaft
Intaktes Proinsulin
Hypophysenadenomen
Lupus - Antikoagulanzien
Thrombophiliemarker PAI
Histamin - Intoleranz
Staphylococcus aureus
Antidepressiva - Antipsychotika
Neue Richtlinien zur Hämotherapie
Schilddrüsen- Chirurgie
Der Steuertipp: Änderungen 2006

Bei Autopsien sind Hypophysenadenome bei bis zu 27 % der Patienten nachweisbar. Sie treten jedoch nur selten klinisch in Erscheinung. Es werden folgende Adenome unterschieden:

  • endokrin inaktive Adenome (ca. 40 %)
  • Adenome, die Hormone produzieren:
    - Prolaktinome (ca. 30 %)
    - Wachstumshormon-bildende Adenome (ca. 20 %)
    - ACTH-bildende Adenome (ca. 5 %)
    - TSH-, LH-, FSH-bildende Adenome (äußerst selten)

Ebenfalls selten sind Hypophysenkarzinome, die ebenfalls Hormone produzieren können. Zur Differenzialdiagnose zählen eine Reihe anderer Erkrankungen der Sella turcica (z. B. Kraniopharyngeome, Meningeome, Metastasen).

Die klinische Symptomatik der Hypophysenadenome entwickelt sich nur sehr langsam. Deshalb werden die Adenome meist erst Jahre nach Beginn der ersten Symptomatik diagnostiziert.
(...lesen Sie weiter im Anschluß an die Tabelle 1...)

In der Tabelle 1 sind die Leitsymptome dargestellt. Bitte beachten Sie, dass die Symptome häufig unspezifisch sind und auf das Alter zurückgeführt werden können.


Symptome einer Überproduktion hypophysärer Hormone

Prolaktinom

bei der Frau:
Zyklusstörungen, Amenorrhoe
Galaktorrhoe
beim Mann:
Libido- und Potenzverlust
selten: Galaktorrhoe, Gynäkomastie

Akromegalie

Vergröberung von Gesichtszügen
Vergrößerung von Händen und Füßen
vermehrtes Schwitzen
Karpaltunnel-Syndrom
Malokklusion der Zahnreihen
Schlaf-Apnoe-Syndrom

Morbus Cushing

Adipositas mit stammbetonter Fettverteilung
Vollmondgesicht
Livide Striae am Stamm
Hypertonie
Diabetes mellitus
Osteoporose
Depression, Angst


Symptome eines Ausfalls hypophysärer Funktionen

ACTH-Mangel

Schwäche, Müdigkeit
Gewichtsverlust
Übelkeit, Erbrechen
Selten: Hypoglykämie

TSH-Mangel

Myxödem
Kälteintoleranz
Obstipation

LH-/FSH-Mangel

blasse Haut, feine Hautfältelung
bei der Frau:
Zyklusstörungen, Amenorrhoe
Infertilität
beim Mann:
Libido- und Potenzverlust, Infertilität

Wachstumshormon-Mangel beim Erwachsenen:

eingeschränkte Leistungsfähigkeit
stammbetonte Adipositas
Fettstoffwechselstörungen
Osteoporose

ADH-Mangel

Diabetes insipidus (nur bei Mitbeteiligung des Hypothalamus)


Symptome der Raumforderung eines Hypophysenadenoms

Chiasmasyndrom

Kopfschmerzen; Einschränkung des Gesichtsfeldes
Sehstörungen

Hypophyseninsuffizienz

siehe oben

Hirnnervenausfälle

selten Augenmuskelparesen durch Schädigung des
N. abducens, N. trochlearis und/oder, N. oculonotorius

Hypophysen-Apoplexie

plötzlich auftretende, meist bitemporale Cephalgie,
Sehstörungen
selten hypothalamische Störungen
Zeichen erhöhten intrakraniellen Drucks


Endokrinologische Basisdiagnostik
Zur Basisdiagnostik gehört die gezielte Bestimmung von Cortisol, TSH, fT4, GH (STH), IGF1, FSH, Testosteron und Östradiol bzw. Prolaktin im Serum. Bitte geben Sie die klinische Symptomatik und Frage nach Hypophysenadenom an. Auf Grund der Regelkreise wird empfohlen, regulativ zusammengehörige Paare, wie z. B. LH und Testosteron oder TSH und fT4, gemeinsam zu beurteilen. Sind LH und Testosteron gemeinsam erniedrigt, spricht dies für eine zentrale, hypophysäre Störung. Liegt aber ein erhöhtes LH bei niedrigerem Testosteron vor, spricht das für eine testikuläre (primäre) Störung.

Prolaktinom
Im Verdachtsfall wird Prolaktin im Serum bestimmt. Ein normales Prolaktin schließt ein Prolaktinom aus. Bei erhöhten Werten sind insbesondere medikamentöse Ursachen, wie Metoclopramid, Neuroleptika, Alpha-Methyldopa oder trizyklische Antidepressiva, auszuschließen. Physiologische Prolaktinerhöhungen findet man nach Palpation der Brust, bei Stress und in der Schwangerschaft.

Wird Prolaktin wiederholt erhöht gemessen und sind medikamentöse Ursachen ausgeschlossen, ist ein MRT der Hypophyse zu empfehlen. Prolaktinkonzentrationen über 200 ng/ml sind fast immer beweisend für ein Prolaktinom.

Akromegalie
Die wesentliche Funktion des Wachstumshormons (GH, STH) ist die Stimulation der Leberzellen zur Synthese von Insulin-like growth factor 1, dem wichtigsten Effektormolekül. Ein GH- (STH-) Spiegel unter 0,4 ųg/l und ein altersentsprechender IGF1-Spiegel schließen eine Akromegalie aus. Werden diese Basalspiegel überschritten, muss ein oraler Glucosetoleranztest (OGTT) mit 75 g Glucose durchgeführt werden (Messung von GH nüchtern und im Verlauf von 2 Stunden, alle 30 Minuten).

Morbus Cushing
Ursache des M. Cushing ist das ACTH-bildende Hypophysenadenom. Zur Diagnostik ist zuerst die exogene Glucocorticoidzufuhr auszuschließen. Danach ist ein Dexamethasonkurztest durchzuführen: 1 mg Dexamethason um 23:00 Uhr oral eingenommen. Am nächsten Morgen um 08:00 Uhr Bestimmung von Cortisol im Serum. Werte unterhalb von 3 µg/dl schließen ein Cushing Syndrom mit größter Wahrscheinlichkeit aus (diagnostische Sensitivität: 95 bis 98 %). Zu beachten ist, dass eine fehlende Suppresion auch auftreten kann bei: Östrogengabe, Alkoholabusus, psychiatrischen Erkrankungen, Niereninsuffizienz und Adipositas (selten).

Hormoninaktives Hypophysenadenom
Ein Verdacht auf ein hormoninaktives Hypophysenadenom besteht vor allem dann, wenn die endokrinologische Diagnostik keinen Hinweis auf eine Überproduktion hypophysärer Hormone ergibt. Zu beachten ist die Begleithyperprolaktinämie, die bei hormoninaktiven Hypophysenadenomen auftreten kann (auf Grund der räumlichen Verdrängung kann hemmendes Dopamin nicht zur Hypophyse vordringen und so zu einer verstärkten Prolaktinfreisetzung führen).

Hypophysenvorderlappen-Insuffizienz
Bei einer HVL-Insuffizienz fallen meist mehrere Funktionen gleichzeitig aus. Zuerst betrifft dies die empfindliche Somato- und Gonadofunktion. Deshalb sollte der Verdacht auf eine Hypophyseninsuffizienz nicht auf Grund unspezifischer Symptome wie Abgespanntheit geäußert werden.

Folgende Basisdiagnostik wird bei klinischem V.a. HVL-Insuffizienz vorgeschlagen:

Funktionsstörung

Basisdiagnostik

Anmerkung

ACTH-Mangel

Cortisol i.S. (08.00 Uhr)
Cortisol im 24 h-Urin

Bei komplettem Mangel erniedrigt.
Normalwert schließt partiellen Mangel nicht aus

TSH-Mangel

TSH, fT4

fT4 erniedrigt, TSH erniedrigt oder niedrig normal

LH-/FSH-Mangel

bei der Frau:
Östradiol, LH, FSH *



beim Mann:
Testosteron, LH, FSH *


Bei normalem Zyklus gonadotrope
Insuffizienz ohne zusätzliche Hormonanalytik ausgeschlossen!

GH-Mangel

IGF-1

Altersentsprechend erniedrigtes IGF-1
weist mit hoher Sicherheit auf GH-Mangel hin. Normales IGF-1 schließt GH-Mangel nicht aus

* Bei Nachweis erniedrigter Testosteron-/Östradiol- und LH/FSH-Werte ist zusätzlich eine Hyperprolaktinämie/ein Prolaktinom auszuschließen.

Weiterführende Diagnostik
Ergibt die beschriebene Basisdiagnostik den dringenden Verdacht auf ein Hypophysenadenom, sollte ein spezialisierter Endokrinologe die Diagnostik weiter führen, um interdisziplinär mit dem Neurochirurgen das therapeutische Vorgehen zu planen.

Literatur:
Klingmüller D. et al, Med 2004; 28(2): 122-126, 2004



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