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Lab 28 - Ausgabe Dezember 2010


 

Die Heparin-induzierte Thrombozytopenie Typ II (HIT II) - eine ernste Komplikation der Heparin-Therapie

 

Die klinisch relevante immunologische Form der HIT (HIT II) ist eine der wichtigsten unerwünschten Nebenwirkungen der Therapie mit unfraktioniertem Heparin. Die gebildeten HIT-Antikörper verursachen eine intravaskuläre Thrombozytenaktivierung mit konsekutiver Thrombozytopenie und vermehrter Thrombinbildung. Die betroffenen Patienten haben ein hohes Risiko für neue venöse und arterielle Gefäßverschlüsse.

Lab28 - Ausgabe Dezember 2010

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Die Diagnostik der HIT II stützt sich sowohl auf die klinische Symptomatik als auch auf labordiagnos­tische Tests. Leitsymptom der HIT II ist der Thrombozytenabfall. Deshalb sollte bei der Anwendung von unfraktioniertem Heparin eine regelmäßige Kontrolle der Thrombozytenzahl zwischen dem 5. und 14. Behandlungstag durchgeführt werden. Hochverdächtig auf eine HIT II ist ein Abfall der Thrombo­zytenzahl um mehr als 50 % im Vergleich zum höchsten Wert ab Tag 5 der Heparingabe.

Die verfügbaren Antigentests (z. B. Gelkartentest, ELISA) haben eine sehr hohe Sensitivität und eignen sich aufgrund ihres hohen negativen prädiktiven Werts zum Screening. In seltenen Fällen (ca. 2,8 % der HIT II-Patienten) können HIT-Antikörper diesen Untersuchungsverfahren entgehen, weshalb unbedingt klinisch-anamnestische Verdachtsmomente die therapeutischen Entscheidungen und die weiterführende Labordiagnostik beeinflussen sollten.

Tabelle 1 (modifiziert nach Lit. [1]):

Wahrscheinlichkeitskriterien Score

HIT-Verdacht (basierend auf folgenden Kriterien)

2 Punkte

1 Punkt

0 Punkte

Thrombozytopenie

niedrigster Wert ≥ 20 G/l und > 50 % Abfall

niedrigster Wert 10-19 G/l oder 30-50 % Abfall

niedrigster Wert < 10 G/l oder < 30 % Abfall

Tag des Auftretens des Thrombozytenabfalls

Tag 5-10 oder ≤ 1 bei früherer Heparintherapie
(innerhalb der letzten 30 Tage)

unbekannt, aber könnte zur HIT passen bzw. nach Tag 10 bzw. ≤ 1 bei früherer Heparintherapie
(innerhalb der letzten 30-90 Tage)

Tag < 4 (keine frühere Heparintherapie)

Thrombosen oder andere Komplikationen

gesicherte neue Thrombose, Hautnekrosen, anaphylaktische Reaktion (nach Heparinbolus)

fortschreitende oder rezidivierende Thrombose,
Verdacht auf Thrombose oder nicht nekrotisierende Hautläsionen

keine Komplikationen

andere („other“) Gründe für Thrombozytenabfall

keine

denkbar

definitiv

Neben antigenbasierten Screening-Tests gibt es auch funktionelle Nachweisverfahren wie den HIPA (Heparin-induzierter Plättchen-Aktivierungstest), der bei positivem Suchtest zur Bestätigung eingesetzt wird. Bei dringendem klinischen Verdacht auf eine HIT II sollte aber auch bei negativem Screening-Test solch ein funktioneller Test durchgeführt und ggf. vorab eine alternative Antikoagulation eingeleitet werden. Gelegentlich erfassen Antigentests Antikörper, die nicht funktionell aktiv sind und demzufolge ein negatives Ergebnis im anschließenden Funktionstest implizieren. Diese sind dann pathogenetisch ohne jegliche Relevanz.

Der sogenannte HIT-Score (4T-Score) ist für die klinische Diagnose ein unerlässliches Instrument, da keines der z. Zt. zur Verfügung stehenden labordiagnostischen Nachweisverfahren eine HIT II mit absoluter Sicherheit beweisen oder ausschließen kann. Die 4T stehen für den Grad der Thrombozytopenie, den Tag des Auftretens des Thrombozytenabfalls, das etwaiges Vorliegen von Thrombosen oder anderen Komplikationen und etwaige andere (other) Gründe für einen Thrombozytenabfall (wie z. B. große Operationen, Chemotherapie, Sepsis oder HELLP-Syndrom). Bei niedrigem Score (Summe < 4 Punkte) ist eine HIT II unwahrscheinlich (hoher negativer prädiktiver Wert).

Der alleinige Nachweis von HIT-Antikörpern ohne gleichzeitige Symptome wie Thrombozytenabfall oder neue thrombembolische Komplikationen erfordert keine Änderung der Heparin-Therapie, jedoch eine engmaschige Überwachung der klinischen Situation (4T-Score).

  • Eine Indikation zur sofortigen Umstellung auf ein alternatives Antikoagulans besteht in folgenden Situationen 2):
  • klinischer Verdacht auf HIT II und positiver HIT-Test,
  • thrombotische Komplikationen trotz Heparin-Therapie im therapeutischen Bereich,
  • massiver und anderweitig nicht erklärbarer Thrombozytenabfall ohne Blutungszeichen aber mit Zeichen einer Gerinnungsaktivierung (D-Dimer) (siehe 4T-Score),
  • anamnestisch bekannte HIT II.

Nach einer etwaigen Therapieumstellung ist der Verlauf der Thrombozytenzahl hilfreich (s. Tabelle 2).

Tabelle 2 (modifiziert nach Lit. [2]):

Diagnose HIT II immunologischer Nachweis funktioneller Nachweis Thrombozytenanstieg nach Umstellung

sicher

positiv

positiv

positiv

Thrombozytopenie

niedrigster Wert ≥ 20 G/l und > 50 % Abfall

niedrigster Wert 10-19 G/l oder 30-50 % Abfall

niedrigster Wert < 10 G/l oder < 30 % Abfall

wahrscheinlich

positiv
positiv
negativ

positiv
negativ
positiv

negativ
positiv
positiv

unwahrscheinlich

positiv
negativ

negativ
positiv

negativ
negativ

ausgeschlossen

negativ

negativ

negativ

Literatur:

  1. Intensivmedizin up2date 1, 2005, Heparininduzierte Thrombozytopenie in der Intensivmedizin, Tabelle 3, HIT-Score für die klinische Diagnose (4T-Score; dem Anforderungsschein zur Thrombozytendiagnostik der Universität Greifswald entnommen, http://www.medizin.uni-greifswald.de/transfus/transfus.htm)
  2. Pötzsch B, Madlener K. Geinnungskonsil, 2002 Georg Thieme Verlag. S.110 ff., Tabelle 13.4, Bewertung der HIT-Diagnostik
  3. S3-Leitlinie Prophylaxe der Venösen Thrombembolie (VTE), Mai 2010

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