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Lab 28 - Ausgabe Dezember 2007


 

Nierenfunktion und Arteriosklerose:
Cystatin C als kardiovaskulärer Risikofaktor

 

Cystatin C, ein Proteaseinhibitor der Aminosäure Cystein, wird von allen kernhaltigen Zellen synthetisiert. Da die Produktion konstant ist und es sich um ein kleines Protein handelt, das frei glomerulär filtriert wird, ist dieses Protein eine ideale Messgröße für die glomeruläre Filtrationsrate (GFR).

Lab28 - Ausgabe Dezember 2007

Neues Zeitalter
Kleine Fehler - große Auswirkung
Nierenfunktion und Arteriosklerose
Keuchhusten bei Erwachsenen
Lunge und Autoimmunerkrankungen
Gen-Polymorphismus der ACE-Aktivität
Heparininduzierte Thrombozytopenie
Neuromyelitis optica vs Multiple Sklerose
Aktuelles aus dem St. Joseph-Krankenhaus
Therapieresistente Hypertonien
Der Steuertipp

Cystatin C ist der Kreatinin-Bestimmung überlegen. Es ist unabhängig von Akute-Phase-Reaktionen, Muskelmasse und Nahrungsgewohnheiten und spricht bereits bei einer GFR unter 88 ml/min/1,73 m2 an, während Kreatinin erst ab einer GFR unter 75 ml/min/1,73 m2 ansteigt.

In den meisten Studien, die Cystatin C mit Formeln, in die Kreatinin einfließt, vergleichen (Schwartz, Cockcroft und Gault, MDRD) schneidet Cystatin C besser ab. Die Differenz zur Referenzmethode war kleiner und die Präzision und Richtigkeit besser. Wir berichteten in unserer Laborinformation 117 bereits über die Vorteile von Cystatin C zur Abschätzung der GFR.

Außerdem sollte bei einer Nierenerkrankung im Stadium 1-2 (GFR >60 ml/min/1,73 m2) das Ergebnis der MDRD-Formel nicht als Zahlenwert ausgewiesen werden, da die MDRD-GFR in diesem Bereich falsch niedrige GFR-Werte berechnet (Stevens MD, N Engl J Med 2006; 354(23): 2473-2483). Für die Frühdiagnostik einer Nierenfunktionsstörung ist deshalb Cystatin C geeigneter (u.a. bei Hypertonikern, Diabetes mellitus und Patienten mit besonderem kardiovaskulären Risiko).

Arztbetreuung
Abb. 1: (Go et al. N Engl J Med 2004; 351:1296-1305)

Abb. 2: (O`Hare AM, Arch Intern Med 2005; 165:2666-2670)

Bekanntlich steigt das kardiovaskuläre Risiko sowohl bei chronischen Nierenerkrankungen als auch bei Proteinurie bzw. Albuminurie deutlich an.

In der PREVEND-Studie (40.865 Einwohner aus Groningen, Norwegen) wurde das Mortalitätsrisiko von Patienten mit ST-Strecken-Veränderungen im Ruhe-EKG untersucht. Dieses Risiko wurde bei vorhandener Mikroalbuminurie um den Faktor 3,8 erhöht und lag damit deutlich höher als das relative Risiko bei Hochdruck (1,8), Hypercholesterinämie (1,3), Rauchen (2,3), Übergewicht (1,6) oder Diabetes mellitus (1,9) (Dierks et al. J Am Coll Cardiol 2002; 40:1401-1407).

Go et al. konnten in einer prospektiven Studie mit 1,12 Mio. Personen (mittleres Alter von 52 Jahren) eines Praxisnetzes in Kalifornien nachweisen, dass die Rate der kardiovaskulären Ereignisse sowie die Gesamtmortalität mit zunehmendem Absinken der GFR deutlich anstieg (Abb. 1/ Go et al. N Engl J Med 2004; 351:1296-1305).

In großen epidemiologischen Studien wurden auch Korrelationen zwischen leicht erhöhten Cystatin C-Werten und dem Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse und Morbidität nachgewiesen:

a) In der PRIME-Studie, die 10.600 Patienten mit KHK einschließt, korreliert Cystatin C mit Body-mass-Index, LDL-C, Triglyceride, Fibrinogen, CRP, IL-6, TNF-Alpha. Cystatin C ist mit dem Beginn einer KHK assoziiert (Luc G, Arteriosclerosis 2006; 185: 375-380).

b) In einer deutschen Studie wurde bei Patienten das Risiko für sekundäre kardiovaskuläre Ereignisse untersucht: Patienten mit Cystatin C in der obersten Percentile (>2,4 mg/l) haben gegenüber der untersten Percentile (<0,91 mg/l) einen um den Faktor 2,3 erhöhtes Risiko. Kreatinin im Serum und Kreatinin-Clearance waren nicht mit einem Risiko assoziiert (König W, Clin Chem 2005; 51: 321-327).

c) In der HEALTH-Studie (4.025 Patienten) wurde die Häufigkeit einer peripher arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK) den Kreatinin-Messwerten, der errechneten GFR (MDRD) und den Cystatin C-Werten gegenüber gestellt: Die Häufigkeit einer pAVK war umso höher je höher der Kreatininwert bzw. je niedriger die MDRD-GFR war. Hohe Cystatin C-Werte zeigten aber die höchste Korrelation zu einer pAVK (s. Abb. 2/ O`Hare AM, Arch Intern Med 2005; 165:2666-2670)! In der HEALTH-Studie wurde außerdem nachgewiesen, dass ein hoher Cystatin C-Wert ein unabhängiger Risikofaktor für kardiale Ereignisse ist, ebenfalls mit einer deutlich höheren Korrelation als MDRD-GFR oder Kreatinin (Sarnak MJ, Ann Intern Med 2005; 142: 497-505).

Es wird diskutiert, inwieweit die hohe Korrelation zwischen kardiovaskulären Ereignissen und Cystatin C-Werten nur Ausdruck einer zunehmenden Nierenfunktionsverschlechterung sind. Obwohl Cystatin C kein Akute-Phase-Protein ist, wird eine Beteiligung von Cystatin C in der zytokingesteuerten Mikroinflammation diskutiert.

Cystatin C und Diabetes mellitus

Bisher gibt es wenige Studien, die Cystatin C longitudinal untersucht haben. Perkins et al. beobach-teten über vier Jahre seriell die direkt gemessene GFR (125J-Iothalamat-Clearance), die MDRD-GFR und Cystatin C bei 40 Patienten mit Typ 2 Diabetes mellitus. Im Verlauf der vier Jahre nahm die Iothalamat-GFR kontinuierlich ab. Parallel dazu kam es zu einer kontinuierlichen Zunahme der Cystatin C-Werte während die Veränderungen der MDRD-GFR erheblich diskontinuierlicher waren.

Mit dem Verlauf der MDRD-Werte können also die Veränderung der GFR nicht so sicher vorhergesagt werden, wie dies mit Cystatin C möglich ist.

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