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Lab 28 - Ausgabe Dezember 2006


 

Nahrungsmittelunverträglichkeiten

 

Verschiedene Mechanismen können für Nahrungsmittelunverträglichkeiten verantwortlich sein: Abgesehen von der größten Gruppe der funktionellen Nahrungs-mittelunverträglichkeiten, wie z. B. das Colon irritabile oder das Dyspepsie-Syndrom, sind labordiagnostisch die allergischen bzw. pseudoallergischen Reaktionen in Abgrenzung zu weiteren spezifischen bzw. unspezifischen Nahrungsmittelintoleranzen (z.B. Malassimilationssyndrom, Dumping-Syndrom) von Interesse.

Lab28 - Ausgabe Dezember 2006

Ernüchterung
Reakkreditierung im September 2006
Therapeutisches Drug Monitoring
Relevanz eines positiven Antikörpersuchtests
Parvovirus B19-Infektion in der Frühschwangerschaft
Sexuell übertragbare Erkrankungen
Empfehlungen der Ständigen Impfkommision
Borreliendiagnostik
Steckbrief : Rotaviren
Nahrungsmittelunverträglichkeiten
Behandlungsmöglichkeiten bei Senkungsbeschwerden
Der Steuertipp: Steueränderungsgesetz für 2007

Typische Nahrungsmittelallergien vom Typ I (IgE-vermittelt) kommen meist im Säuglingsalter vor, vor allem bei atopischen Kindern. Ein zweiter Häufigkeitsgipfel liegt zwischen dem 15. und 35. Lebensjahr.

Die vorwiegend IgE-vermittelten Immunreaktionen manifestieren sich klinisch an Haut, Gastrointestinaltrakt und - eher selten - an der Lunge. Sie sollen jedoch auch ein chronisches Asthma unterhalten können (1). Ein Asthma ohne gastrointestinale Beschwerden oder ein Hautekzem hingegen soll jedoch nur selten auf eine Nahrungsmittelallergie zurückzuführen sein. Am Gastrointestinaltrakt sind Symptome nach ca. 1-2 h (Übelkeit, Erbrechen) bzw. 6 h (Diarrhoe, Koliken) zu erwarten. Seltener ist eine chronisch persistierende eosinophile Gastritis bzw. Enterokolitis mit Appetitmangel und Gewichtsverlust.
Isoliert in der Mundregion auftretende Schwellungen sind häufig Ausdruck eines oralen Allergie-Syndroms bedingt durch eine Kreuzreaktivität vieler Nahrungsmittel mit den eigentlich für die Sensibilisierung verantwortlichen Pollenantigenen. So reagieren z.B. pollenallergische Menschen gegenüber Kernobst.

Während die klassische Nahrungsmittelallergie gegenüber „stabilen“ Proteinen (weder durch Erhitzen noch durch Magensäure zerstörbar) vor allem bei Säuglingen und Kleinkindern vorkommt, dominieren im Jugendlichen- bzw. Erwachsenenalter die pollenassoziierten, kreuzreaktiv bedingten Nahrungsmittelreaktionen (v. a. Birke).

Säuglinge/Kleinkinder

Kinder/Jugendliche/Erwachsene

Milch- und Milchprodukte
Hühnerei
Weizen
Soja
Nüsse
Erdnuss
Fisch

Pollenassoziierte Nahrungsmittelallergene
(z. B. Apfel, Haselnüsse, Sellerie, Karotte, Roggenmehl,
Paprika, Gewürze)

Seltener reagieren Kinder/Jugendliche/ Erwachsene auf:
Nüsse und Samen
Erdnuss, Soja
Fisch und Krustentiere
Milch- und Milchprodukte
Hühnerei
Latexassoziierte Nahrungsmittelallergene
(z.B. Banane, Avocado, Kiwi)

Tabelle 1: Häufige Nahrungsmittelallergene (2)

Eine diagnostische Möglichkeit zur Erkennung der Typ I-Reaktionen ist die Bestimmung des allergen-spezifischen IgE (siehe Labor 28-Allergie-Anforderungsbogen, z.B. fx5 Nahrungsmittelscreen und verschiedene Nahrungsmittelmischungen sowie Einzelallergene) im Serum bzw. des allergenspezifischen CD63-Markers im Basophilen-Aktivierungstest (EDTA-Blut mit Anmeldung, z. B. Lebensmittelfarben I und II und verschiedene Einzellallergene).

Letzterer eröffnet auch den Nachweis geringster spezifischer, ggf. lediglich zellgebunden vorkommender IgE-Konzentrationen und kann auch pseudoallergische Nahrungsmittelreaktionen
( z.B. gegen kleine Moleküle wie bei Zusatzsstoffen (3) ) anzeigen.

Eine Abklärung möglicher Kreuzallergien zwischen Pollen und Nahrungsmitteln mit womöglich therapeutischen Konsequenzen kann für bestimmte Konstellationen über die Untersuchung rekombinanter Allergene versucht werden (siehe Laborinfo Nr. 130, August 2005).
Die Bestimmung Nahrungsmittel-assoziierter spezifischer IgG-Antikörper kann wegen fehlender klinisch-diagnostischer Relevanz nicht zur Erkennung einer Sensibilisierung empfohlen werden, denn die IgG-Antikörperbildung spiegelt eine physiologische, nicht zur Allergie führende natürliche Immunantwort wider. (4)

Differenzialdiagnostisch muss bei Nahrungsmittelunverträglichkeiten auch an pseudoallergische Reaktionen durch einen relativen oder absoluten Enzymmangel , wie z. B. für biogene Amine (ggf. in Konservierungsmitteln, Farbstoffen, Schinken, Wurst, Käse) gedacht werden, welcher durch Hemmung des Histamin-Serotonin-Abbaus zu entsprechenden Gewebereaktionen führt. Wegweisend ist hier die Anamnese hinsichtlich Unverträglichkeit histaminhaltiger Nahrungsmittel. Die Diagnose der - häufig erworbenen - Histaminintoleranz kann durch die Bestimmung der Diaminooxidase im Serum gestellt werden.

Spezifische Nahrungsmittelunverträglichkeiten können Folge weiterer Enzymdefekte sein, wie bei der Laktoseintoleranz, die durch den Laktasegentest (EDTA-Blut) erkannt werden kann.
Ein weiteres Beispiel einer spezifischen Nahrungsmittelintoleranz ist die Glutenintoleranz (Zöliakie; wahrscheinlich autoimmun bedingt; Nachweis durch Antikörper gegen Transglutaminase im Serum).

Toxinbedingte Gastroenteritiden können das klinische Bild einer Nahrungsmittelunverträglichkeit imitieren.

Literatur
1: Nahrungsmittelallergie, in: Basislehrbuch Innere Medizin (3. Auflage), H.Renz-Polster,
S.Krautzig, J.Braun, S.393 ff; Urban & Fischer, München - Jena

2: Kleine-Tebbe J, Herold D, Kunkel G, 2006: Nahrungsmittelallergie und -unverträglichkeit: Zwischen Modekrankheit und Lebensgefahr, aus: Phadia Kunden-Newsletter, 5. Jahrgang: Ausgabe 3/2006

3: Kleine-Tebbe J, Lepp U, Niggemann B, Werfel T, 8. Juli 2005: Nahrungsmittelallergie und -unverträglichkeit: Bewährte statt nicht evaluierte Diagnostik; Deutsches Ärzteblatt, Jg. 102, Heft 27, 1965 - 1969

4: Werfel T, 2002: Zum Stellenwert der Labordiagnostik bei der Abklärung von Nahrungsmittelallergien; J Lab Med 2002: 26 (3/4): 110 - 114



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